Das Leben Geschichte

100 Jahre Burgenland: «Die Menschen haben Freude, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen»

Wie sehr hat sich die Welt und mit ihr das Burgenland in den vergangenen 100 Jahren verändert? Walter Hermann dokumentiert mit wachsender Unterstützung berührende, überraschende und faszinierende Zeitsprünge

Das ungarische Kaffeehaus in Bruckneudorf, einst beliebter Treffpunkt junger K.u.k.-Offiziere, war als Lokal mit „freizügigem Umgang“ bekannt; auf der Hauptstraße in Eisenstadt parkten Autos, die wir heute als Oldtimer schätzen würden und in Donnerskirchen sahen „die Menschen voller Schreck etwas Fürchterliches auf sie zukommen“.

Mehr als 400 solcher Zeitsprünge hat Walter Hermann auf seiner Webseite bereits dokumentiert. Nahezu täglich erhält er neue Bilder: „Die Menschen haben Freude, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen“, sagt er im Gespräch mit TSCHÄK, „die Einladung zum Mitmachen ist angekommen.“

Tatsächlich geht es nicht nur darum, historische Bilder aus der 100-jährigen Zugehörigkeit des Burgenlandes zu Österreich hervorzukramen. Ziel ist es auch, sie „in die Gegenwart zu transportieren“, sagt Walter Hermann, also mit einem aktuellen Foto zu dokumentieren, was aus dem Kaffeehaus von einst geworden ist (u. a. befindet sich in dem Gebäude heute eine Anwaltskanzlei).

Das Projekt hat eine tolle Eigendynamik bekommen.

Walter Hermann

Das Interesse wächst auch international: „Es gibt Anfragen für Kooperationen von Budapest bis Brüssel.“

Walter Hermann war bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren Lehrer für Geschichte, Religion und Informatik. Schon früh beschäftigte er sich mit dem Internet. Vor allem aber war er daran interessiert, die technischen Möglichkeiten für die Vermittlung von Inhalten zu nutzen. 

Am Gymnasium Wolfgarten war er nicht nur Lehrer, sondern auch Administrator und für die EDV zuständig. Auch an der Pädagogischen Hochschule in Eisenstadt verantwortete er die IT. Sein persönlicher Höhepunkt: Anlässlich der 100-Jahr-Feiern der Republik Österreich rief er ein beispielhaftes E-Learning-Projekt ins Leben, an dem sich österreichweit 15.000 Schüler beteiligten. Das Projekt wurde mit dem Demokratiepreis der Margaretha-Lupac-Stiftung ausgezeichnet.

Zurück zu den Zeitsprüngen. Warum machen die Menschen gerne mit?

Weil sie neugierig geworden sind. Weil es die Möglichkeit bietet, hinauszugehen, aktiv dabei zu sein. Es ist wirklich unglaublich, was da gerade passiert.

Walter Hermann

Wird Geschichte so wieder lebendig?

Ja, aber in sehr unterschiedliche Richtungen. In vielen Kommentaren heißt es, „damals war alles viel schöner“. Natürlich gefallen mir die alten Fotos von Streckdörfern auch. Aber man muss sich schon fragen, ob man damals in diesen Häusern hätte auch leben wollen.

Warum werden die alten Zeiten gerne verklärt?

Weil die Dörfer damals sehr lebendig ausgesehen haben. Heute wirken die Fotos oft leblos, so, als hätten sie keine Seele. Das ist natürlich nur der erste, schnelle Eindruck. Wir sollten froh darüber sein, dass wir so leben, wie wir leben – im Wohlstand, gesegnet, und vor allem im Frieden. Wie kostbar dies ist, dürfen wir niemals vergessen.

Gibt es einen Lieblingszeitsprung?

Das ist sehr schwer zu beantworten, es gibt so viele. Jeden Tag staune ich über neue Eindrücke, neue Geschichten, die ich zugesandt bekomme. Jedes neue Bild wird zur neuen Lieblingsgeschichte.

Wird es eine Fortsetzung auch nach dem 100-Jahr-Jubiläum geben?

Ja, es wird auf jeden Fall fortgesetzt. Schließlich wollen wir die Menschen auch in Zukunft zurückschauen lassen in ihre Geschichte.

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